MBFWB I Marina Hoermanseder SS15 & Behind the Scenes

laura
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Die Ästhetik des Stützkorsetts
© Mercedes-Benz Fashion Week

Manchmal passiert es, dass zwischen all der Routine, mit der auch wir uns inzwischen auf der Fashion Week bewegen, ein neues Talent aufblitzt, dass für einen kurzen Augenblick den Zauber und das Herzklopfen des Anfangs zurückbringt. Marina Hoermanseder ist ein Name, den man sich besser merken sollte, hat die eigentlich aus Wien stammende Berliner Jungdesignerin, doch bereits mit ihrem Debüt im Januar für Furore gesorgt. Hoermanseder studierte auf Wunsch ihrer Eltern zunächst BWL, ehe es sie schließlich nach Berlin verschlug, um an der ESMOD ihrem Traum von Modedesignstudium nachzukommen. Im Januar präsentierte sie schließlich ihre erste Kollektion, die mit dem Fokus auf Leder, Korsagen und Gürtelschnallen für die sonstige Berliner Schlichtheit erst einmal doch ziemlich ungewohnt daherkam. Doch gerade das gefiel Brandon Maxwill, dem Stylisten von Lady Gaga. Und schwupps orderte er für die weltbekannte Mustikerin direkt mal ein paar Teile. Besser kan nder Auftakt einer Modekarriere wohl nicht laufen.

 

Hoermanseder, die sich selbst als "Materialfetischist" bezeichnet, setzt ihrem Stil auch für die kommende Frühjahr-/Sommersaison fort. Wir dürfen vor der Schau schon einmal backstage einen Blick auf das Treiben werfen. Während Make-up und Haare in vollem Gange sind, sortiert Hoermanseder mit einem Assistenten die Reihenfolge der Looks. Sie wirkt konzentriert, trotzdem entspannt. Die Stimmung ist gut. Vorne witzeln die Stylisten untereinander oder plaudern mit den Models. Es wird gelacht von chaotischer Hektik keine Spur. Das Hairstyling verrät bereits, wir dürfen uns auf Lockenmähnen freuen, das Make-up bleibt dagegen eher dezent. Aber es braucht auch nicht aufzufallen, schließlich sind die Looks selbst doch schon eyecatching genug. Kurz können wir noch einen Blick auf die Korsetts erhaschen, die gleich präsentiert werden. Sie werden in einer großen Plastikkiste angeliefert, da sie aufgrund ihrer festen Struktur natürlich nicht an Kleiderstangen passen. Dann geht es für uns Richtung Catwalk, wir freuen uns auf die Show.

 

 

 

 

 

Leder, Gürtelschnallen und Korsetts bleiben formgebende Elemente der Kollektion für die kommende Frühjahr-/Sommersaison 2015. Das Interview Magazin etwa titelt in seiner aktuellen Ausgabe: „alle wollen ihre orthopädische Couture“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Hoermanseder beschäftigte sich im Vorhinein viel mit körperlichen Fehlstellungen und Krankheiten, Bilder von Stützkorstetts aus de, 17. Jahrhundert dienten ihr u.a. als Inspiration für ihr eigenes Design. Das Leder wiederum erinnert an Fetischmode, doch Hoermanseder mag dieses Verruchte sehr gerne. Noch mehr hängt sie aber an dem Spiel mit Gürtelschnallen, das seien einfach ihre persönlichen Lieblinge. Zarte Pastelltöne, wie Limone, Lachs, Rosa oder Hellblau kontrastieren mit dem Fetischcharakter der Stücke und verleihen den Looks eine sehr weiche, feminine Note. Stoffe mit Strukturen sowie solche in glänzend oder mit Perlmuttschimmer runden die Kollektion ab. Hoermanseder konzentriert sich in der kommenden Saison auf eine sehr weibliche Silhouette, etwas, womit sie sich seit ihrem Praktium bei Alexander McQueen beschäftigt. Schmale Bleistiftröcke wechseln sich mit ausgestellten Röcken in A-Form ab. Hochgeschlossene Shirts und kurze Etuijacken sorgen für Eleganz, da schimmern die französischen Wurzeln von Seiten der Mutter durch. Gekonnt vereinbart das Nachwuchstalent schließlich tragbare Mode und Stücke von hohem künstlerischen Anspruch. Am Ende ist der Beifall groß, das verbale Gejubel noch lauter. Die Jungdesignerin ist sichtlich erfreut und herzt erst einmal ihre Eltern, die auf der gegenüberliegenden Seite in der Frontrow sitzen. Das berührt uns und wir schließlich die hübsche, quierlige Blonde gleich noch mehr in unser Herz.

 

Wir werden jedenfalls dranbleiben, wie es mit Marina Hoermanseder und ihrer Label weitergeht. Potenzial sich auch jenseits der Grenzen der Hauptstadt zu etablieren, hat die junge Dame allemal. Und fast finden wir, dass gerade durch die Tatsache, dass diese ESMOD Absolventin mit dem sonst so schlichten Berliner Stil bricht, eine der wahrscheinlich besten und spannendsten Kollektionen der Fashion Week abgeliefert hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

    AUTHOR:
    LAURA SODANO

    Lebe lieber ungewöhnlich.

    Mode. (Pop-)Kultur. Feminismus. Was für die einen nach Schizophrenie par Exellence klingen mag, ist für sie selbstverständlich. Die Dame, die mindestens so gerne und schnell redet, wie sie denkt, sprudelt nur so vor kreativem Kopfchaos, von dem ihr Umfeld selten verschont bleibt. Sprache ist ihr Medium. Das nuancierte Spiel mit pointierter Artikulation ihre Waffe. Schokolade ihr Laster. Bei Mode und Literatur setzt ihr Verstand nur zu gerne aus.