Krempel der Woche: Hypezig

lola
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gossip
Schluss damit, ein für alle Mal!

Wahrscheinlich werde ich mir selbst einen Schlag ins Gesicht verpassen, wenn dieser Artikel online ist. Noch ein Beitrag zur sagenumwobenen, völlig angesagten Ost-Metropole? Sind Einschätzungen wie "Disneyland des Unperfekten" von faz.net, "Wie Berlin, nur besser" von Spiegel Online und und und nicht genug? Ja, das sind sie. Im Ernst, es reicht. Ich habe die Schnauze voll. Irgendjemand braucht wahrscheinlich mal einen bestimmten Klaps auf den Hinterkopf, damit das endlich ein Ende hat. 

 

Ich wohne in Leipzig, schon seit mehreren Jahren. Ich wohne gern hier. Ich bekomme all das mit, von dem immer die Rede ist und das trotz allem wahrscheinlich nur zum kleinsten Teil. Doch darum soll es hier auch gar nicht gehen. Ich will nicht zum 100. Mal darüber schreiben, was hier wie und wo angeblich alles möglich ist, welchen tollen Spirit of Life hier alle augenscheinlich haben, wie günstig die Mieten sind (und wie niedrig dazu die Gehälter), wie toll die illegalen Parties sind (und wie enttäuschend zu 60% der Fälle) oder wie gut es sich über die Karl-Heine-Straße aka den "Boom-Boulevard" (meine Crew nennt ihn nur noch liebevoll den "Karl-Heine-Strich") im Westen der Stadt von Galerie zu Galerie flanieren lässt. Denn, na klar: auch hier gibt es Probleme. Und beinahe viel wichtiger: Wenn die Medienpräsenz so weiter geht, dann geht es mit Leipzig nicht mehr so weiter. Dann zerstört man alles, was viele Kreative über Jahre hinweg aufgebaut haben. Dann kommen Investoren und bauen hochmoderne Wohnungsanlagen, dann verschwinden alle Freiflächen, unsanierten Gebäude und mit ihnen alle Kreativen, die diese Stadtteile wahrscheinlich ausmachen. Denn sind wir doch mal ehrlich: den Kunstschaffenden ist es insgeheim doch ganz recht, wenn ihre Kunst einem größeren Publikum verborgen bleibt. Hier rollt man nur noch mit den Augen, wenn es einen neuen Bericht oder eine neue Erwähnung des Ach-so-tollen Leipzigs gibt. Das tun alle. 

 

 

Der Grund, warum es momentan so viele Berichte über Leipzig und nicht über andere Orte gibt, liegt doch auf der Hand. Weil hier bereits seit Jahren was im Gange ist, das vor ein paar Monaten zufällig irgendwer mal spitz bekommen hat. Da gab es ein großes "Oh" und "Ah", denn das hätte man dem Osten gar nicht zugetraut. Das ist doch berichtenswert. In allen anderen Hochburgen der Schaffenskraft war das schon immer so und alle wussten davon. Darum ist es in diesen Kreativ-Zentren auch so still: weil hier kluge Köpfe seit jeher für innovative Ideen sorgen, das an der Tagesordnung ist, ganz normal und damit langweilig - weil es alle wussten und wissen. "Oh, in Hamburg gibt es eine rege Musikszene, auch Hamburger Schule genannt." - "Äh ja, das gibt's dort quasi schon immer." Ergo kein Grund, über Hamburg zu berichten. Oder aber Berlin, dort gibt es ein Gros mehr an Galerien und Ateliers, nur wissen das schon alle. Für Leipzig hat sich lange Zeit niemand interessiert, Leipzig wurde nicht mal mit dem Allerwertesten angesehen. Jetzt, da die Bombe geplatzt ist, stehen alle mit offenen Mündern da und fassen sich an die Wangen. Und da in allen anderen Städten nichts Wichtigeres als auch sonst passiert ist, baut man eben diese Leipzig-Story noch ein wenig mehr aus. Das betitelt man in der Journalistik übrigens als "Agenda-Setting". Die Medien berichten über eine Sache, also tun es ihnen alle, die es noch nicht getan haben, gleich. Das führt dazu, dass ein bestimmtes Thema auf einmal in aller Munde ist - und auch im Kopf der Rezipienten. Die Medien-Agenda wird zur persönlichen Agenda. Was passiert dann? Wenn alle erzählen, wie hip Leipzig ist, wird das auch irgendwann zur ersten Assoziation eines jeden. So viel zur Medienbeeinflussung. Genau an dieser Stelle sollte ich dann wahrscheinlich auch aufhören mit diesem Beitrag, denn damit werfe ich wahrscheinlich nur noch ein Fischchen mehr in den Teich oder Sumpf der Hypezig-Welle. 

 

 

Hypezig. Betrachtet man diesen Begriff aus etymologischer Sicht, stößt man auf die beiden Wortstämme "Hype" und "Leipzig". Die scheinbar passende, diese Stadt allerdings auf einen Bruchteil ihrer Komplexität reduzierende Wortkombination impliziert einem Außenstehenden auf unmissverständliche Art vor allem eines: Leipzig wird gehypt, Leipzig ist cool, Leipzig ist The-Place-To-Be. Oder wie es der ZDF jüngst formschön formulierte: Leipzig ist "Hip und cool in alten Bauten". An dieser Stelle Dankeschön für die spektakulären Helikopter-Kamerafahrten - aus dieser Perspektive habe ich als junges, aufstrebendes Mitglied dieser hippen Gesellschaft "Hypezig" noch nicht gesehen, wahrlich nicht. Auch dieser Beitrag transportiert nur eines: Leipzig ist angesagt, kommt alle her. Kommt alle her, weil hier alles und alle so hip sind. Weil hier Dinge möglich sind und waren, die nur hier möglich sind und waren.

 

Doch wisst ihr was? Das ist großer Bullshit. Es gibt rein gar nichts, das nur hier möglich ist.

 

Wenn ihr nichts drauf habt, werdet ihr hier genauso scheitern, genauso wie auch in Berlin, Köln, München, dem Ruhrpott, dem Schwarzwald, am Bodensee, im Norden oder weiß der Geier. Auch hier hat niemand auf euch gewartet. Auch hier wird niemand Fan eurer Idee oder Vision, wenn sie nicht Hand und Fuß hat. Auch hier wird euch niemand an die Hand nehmen und euch zeigen, wie ihr Dinge richtig macht. Auch hier könnt ihr im Tal der Bedeutungslosigkeit untergehen und euch im Ewig-Studieren, in Arbeitslosikeit, Alkohol, Drogen und Depressionen verlieren. Das liegt hier vielleicht sogar näher beieinander, als anderswo. Der Unterschied zu anderen Städten liegt lediglich in Leipzigs Vergangenheit, der gescheiterten Vergangenheit des DDR-Regimes. Hier ist man schon einmal gescheitert und das im großen Stil. Das wissen alle und akzeptieren alle. Darum ist es nicht schlimm, wenn man persönlich nochmals scheitert. Das ist ganz legitim. In Leipzig darf man scheitern und unperfekt sein, Leipzig lädt euch dazu ein. Echt jetzt? Nein, verdammt. Niemand wird euch je dazu einladen, unperfekt zu sein! Nichtmal ihr selbst werdet unperfekt sein wollen, denn das weiß doch jeder: Jeder will immer perfekt sein und alles richtig machen. Das ist uns Menschen angeboren und wahrscheinlich der neuzeitliche Überlebensdrang. Das ist auch hier nicht anders, Leipzig tickt kein bisschen anders. Auch hier wirst du das Gefühl haben, alles toll machen zu müssen. Hier wird dir niemand applaudieren, wenn du dein Leben nicht auf die Reihe bekommst. Hier wird man wie an allen anderen Orten des Universums auch mit Worten wie "Das ist schon okay." oder "Beim nächsten Mal klappt es sicher." beschwichtigen, dich hinter deinem Rücken aber belächeln und über dich tratschen. Nur vielleicht auf eine subtilere Art als anderswo. 

 

Wenn du gut bist, etwas drauf hast dich anstrengst und hart arbeitest, dann kannst du das hier gut machen - aber genauso gut auch woanders, vielleicht sogar besser. Gerade in Mode und Musik ist beispielsweise immer noch Berlin die erste Adresse. Auf lange Sicht werden dort eh alle wieder landen, da schließe ich selbst mich nicht aus. Dort kann man besser "connecten", da sitzen die großen Leute, Entscheider und Geldgeber. Dort ist auch der Sprung ins internationale Beachtet-werden leichter zu schaffen.

 

 

Ein großer Knackpunkt an dieser Stadt kommt noch hinzu: Leipzig ist vergleichsweise klein. Versteht mich nicht falsch, es handelt sich durchaus um eine große Stadt und die verschiedenen sogenannten "Szenen" sind vielschichtig. Dennoch, ab einem bestimmten Punkt kennt man irgendwann alle und alle kennen dich. Zumindest wirst du immer mindestens drei Leute ausmachen können, die mit deinem neuen Gegenüber mehr als nur ein Mal geredet haben. Du kannst dich deswegen auch mit dir wildfremden Leuten über Absturzgeschichten anderer unterhalten, denn man kennt sich ja. Du triffst auf Parties immer die gleichen Leute, hast irgendwie alle schon einmal gesehen, bewegst dich in deiner ganz persönlichen Blase. Das ist schön, ja. Denn es ist doch immer schön, viele Menschen zu kennen und über die Zeit neue Freundschaften zu schließen mit Leuten, die du vom Sehen her bereits mehrere Jahre kennst. Die Kehrseite daran allerdings, dass du dir keinen Fehltritt erlauben darfst bzw. alle davon Wind bekommen werden, wenn du ihn dir doch geleistet hat. Irgendwann wirst du hier noch weniger scheitern wollen, denn das merken dann ja alle. Und dann unterhalten sie sich wahrscheinlich mit anderen über dich. 

 

Leipzig ist doch scheiße, wenn wir ehrlich sind. Bzw. ist es so scheiße und beknackt wie überall. So normal und angenehm wie in allen anderen Städten. Lasst doch dieses "Hier ist man hip"-Getue, das hilft niemanden und interessiert auch niemanden. Niemand hier ist hipper als an anderen Orten. Natürlich schwärme ich allen immer von diesem Ort vor, aber das würde ich genauso von jeder X-beliebigen anderen Stadt tun, in der ich wohne und mich halbswegs wohlfühle. Und wo wir schonmal beim Wohlfühlen sind: Das hängt doch eigentlich nur davon ab, ob du Menschen um dich herum hast, die du magst. Mit denen du Geschichten erlebst und bei denen du du selbst sein kannst - an jedem gottverdammten Ort der Welt. 

 

 

    AUTHOR:
    LOLA

    Modemädchen durch und durch.

    Minimal Chic und New Sports ist ihr Metier, über Normcore und andere Phänomene der Mode kann sie nickend Romane erzählen und trotz Totalausfall beim Anblick der neuesten Laufstegbilder und Lookbooks ist die Dame nicht auf das Köpfchen gefallen. Lola liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.