Dinge, die deine Mutter nicht sagt

lola
|
gossip
Krempel der Woche: Überflüssige Facebook-Fanseiten.

Na, habt ihr euch gestern wieder den ganzen Tag bei Facebook aufgehalten, so wie jeden Tag? Ja ja, schon eine tolle Erfindung, so zum Zeitvertreib. Oder um mit Leuten zu kommunizieren, mit denen man sich lieber mal wieder auf einen Kaffee treffen sollte. Überhaupt stellt Facebook eine moderne Bereicherung unseres sozialen Lebens dar. Man kann Veranstaltungen erstellen, urwitzige oder uranrüchige Fotos von sich selbst hochladen und durch ein versinnbildlichtes "Finde ich gut!" diverse Filme, Bands und Organisationen liken und damit all seinen Freunden demonstrieren, welch unfassbar guten Geschmack man besitzt.

 

Das funktionierte seit jeher immer ganz gut, alle haben friedlich zusammengelebt und sich am nächsten heißen Musikvideo oder der zehnten Statusmeldung über sintflutartige Regenschauer erfreut. Bis vor einigen Wochen eine ganz neue Spezies an Kuriosität links oben in meinem Neuigkeitenfeed auftauchte und gekommen war, um das facebook'sche Zusammenleben zu revolutionieren. Denn das, was hier kam, war wirklich neu. Das glaube ich zumindest. Meine Freundin Leonie meinte das immerhin mal mit einem Augenzwinkern zu mir. Oder war es ein Augenrollen? Habe ich sie falsch verstanden? Habe ich auf ihre Eingebung hin nicht erst diesen Artikel verfasst? Naja, auf jeden Fall war diese Kuriosität auch superlustig. Also für Leute, die auch über Blondinenwitze und Pannenvideos lachen können. Eine neue Generation an Facebookseiten, die mittels Negation witzig, saucool und auch ein bisschen clever sein möchten: "Dinge, die ein ... nicht sagt". Die drei Punkte stehen dabei sinngemäß für eine Bevölkerungsgruppe, die ein bestimmtes Studienfach studiert, aus einem bestimmten Ort kommt, derzeit in einem bestimmten Ort wohnt oder über andere konstituierende Merkmale verfügt. Von dem "Liker" solch einer Seite ist zumeist anzunehmen, dass er sich dieser Gruppe aus wichtigem Grund zugehörig fühlt. 

 

 

So weit, so gut. Kann man ja machen und jedem das Seine. Wenn ich allerdings von gefühlt jeder zweiten Neuigkeit links oben mit Dingen, die ein BWL Student, Jurastudent, Leipziger, Leipziger Student, Zwickauer oder Betrunkener nicht sagen, penetriert werde, dann muss ich mich - vorsichtig formuliert - doch wundern. Gut, eigentlich möchte ich lieber einmal gewaltig mit der flachen Hand gegen meine Stirn patschen. Oder besser noch: allen, denen ich dieses Bombardement zu verdanken hab, einen kräftigen Klatsch gegen den Hinterkopf verpassen.

 

Dank ihnen bin ich inzwischen soweit informiert, dass Juristen („Dinge, die ein Jurastudent nicht sagt.“) leider nie Freizeit haben und nie an den See fahren können, wenn alle ihre Freunde dort im Sommer grillen. Der Jurastudent ist so cool, dass er die in seiner Hausarbeit verwendeten Artikel gar nicht alle gelesen hat. Er ist so frech, dass er nicht nachschlägt, was sein Professor in der Vorlesung an Literatur empfohlen hat und die Benotung der Klausuren ist nie objektiv und vergleichbar. Hört, hört. Besonders das mit dem See hat mich sehr mitgenommen, das ist wirklich eine Schande. Wenigstens gesellt sich der BWL-Student („Dinge, die ein BWL Student nicht sagt.“) dazu. Er hat auch keine Zeit zum Grillen und seine Benotungen sind auch nicht nachvollziehbar. Weiterhin habe ich in Erfahrung gebracht, dass Berliner („Dinge, die ein Berliner nicht sagt.“) keinen Joint abschlagen. Dass die Mitarbeiter der Leipziger Verkehrsbetriebe („Dinge, die ein Leipziger nicht sagt.“) schrecklich unfreundlich sind. Dass Betrunkene („Dinge, die ein Betrunkener nicht sagt.“) Selbstgespräche mit Badezimmerspiegeln führen. Dass die Fitnessstudios in Eisenhüttenstadt („Dinge, die ein Eisenhüttenstädter nicht sagt.“) exorbitant teuer sind. Ich erwarte an dieser Stelle laute Beifallsstürme, denn erstens fühle ich mich mit diesem Wissen gebildeter denn je und zweitens bin ich zu diesen Ergebnissen nur gekommen, indem ich mit meinem klugen Köpfchen aus einer doppelten Verneinung eine positive Aussage gebastelt habe. Ihr seht: ich bin ganz schön kluk. Äh, klug. Sorry.

 

 

Aber Stopp, Moment mal. Ich lese auch nie Literatur, die mir mein Professor in der Vorlesung empfohlen hat. Ich habe auch nie Freizeit. Und auch mein Fitnessstudio ist exorbitant teuer. Und auch einen Großteil der anderen hier aufgezählten Begebenheiten könnte ich für mich unterschreiben. Sollte ich dafür auch eine eigene Seite gründen? Und sollte sie entweder "Dinge, die eine Leipziger Bloggerin nicht sagt.", "Dinge, die ein Kaffeejunkie nicht sagt.", "Dinge, die ein Einhornfan nicht sagt." oder "Dinge, die eine Klappradradfahrerin nicht sagt." heißen? Merkt ihr etwas? Irgendwie haben alle die gleichen Probleme. Sätze wie „Wenn mir einfällt, dass ich mein Fahrrad nicht angeschlossen habe, bleibe ich beruhigt sitzen.“ sagen nicht nur Münsteraner nicht. Kein Schwein bleibt beruhigt sitzen, wenn das Fahrrad nicht angeschlossen ist. Das ist alles weder speziell, noch in irgendeiner Weise cool, es ist weder lustig, noch drückt man damit aus, dass man einen herausragenden Sinn für Ironie und Sarkasmus hat. Das bringt mich persönlich alles schlichtweg zum Gähnen. Denn sind wir mal ehrlich: irgendwie wollen damit doch alle nur ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen, die auf eine bestimmte, handverlesene Sache gerichtet wird. Und seht, hier habt ihr sie. Scheint zu funktionieren. Daumen hoch. Bitteschön.

 

Da dies allerdings das Grundprinzip des Zuckerberg'schen Netzwerkes zu sein scheint und wir uns - natürlich - ALLE nach Beachtung sehnen, sage ich: Weitermachen. Ich mache derweil meinen Kopf zu, vielleicht verstehe ich dann auch endlich irgendwann mal die Pointe dieser Seiten. 

 

 

    AUTHOR:
    LOLA

    Modemädchen durch und durch.

    Minimal Chic und New Sports ist ihr Metier, über Normcore und andere Phänomene der Mode kann sie nickend Romane erzählen und trotz Totalausfall beim Anblick der neuesten Laufstegbilder und Lookbooks ist die Dame nicht auf das Köpfchen gefallen. Lola liebt Kopenhagen und Kafka, hat eine Schwäche für Männermode und Musikhits, ist aber auch für Kunst und Kitsch zu haben.